
Der Artikel von Barbara Gehring liest sich weniger als eine Analyse als wie eine moralische Belehrung. Gleich zu Beginn wird der Ernährungsstil zum Haupttreiber des Artensterbens erklärt – eine These, die vor allem eines ist: praktisch. Denn sie erlaubt es, komplexe ökologische Probleme auf individuelles Wohlverhalten zu reduzieren. Wer richtig isst, gehört zu den Guten. Wer das nicht tut, offenbar zu den Mitschuldigen.
Zur Absicherung dieser Vereinfachung werden dann diverse Institute und Studien bemüht, deren Ergebnisse nicht diskutiert, sondern lediglich behauptet werden. Das ersetzt Argumente durch Autorität und kritisches Denken durch Gesinnung, Wissenschaft wird so zur moralischen Requisite: Man zitiert sie, um Diskussionen zu beenden, nicht um sie zu führen.
Besonders irritierend ist der Ton. Statt nüchtern zu erklären, wird gewertet, verglichen und suggeriert, dass falsches Konsumverhalten letztlich der Kern des Problems sei. Dass Arten vor allem durch Zersiedlung, Bodenversiegelung (Bahnhofplatz), Infrastrukturprojekte und politische Wachstumslogik verschwinden, bleibt auffällig unterbelichtet. Beton und Asphalt sind offenbar weniger geeignet für pädagogische Appelle als der persönliche Speiseplan.
So wird Umweltbildung zur Gewissensübung und Artenschutz zur Frage der richtigen Haltung. Das mag moralisch befriedigend sein, aber analytisch dürftig. Wer komplexe ökologische Krisen auf moralische Essensregeln zusammenschrumpft, betreibt keine Umweltbildung, sondern Gesinnungspädagogik – und die hat dem Artenschutz noch nie geholfen.
Walter Hotz Schaffhausen
